EXKLUSIVES PREQUEL

Prolog

Endlich ist der Tag da.

Ich sitze gegen den Stamm eines dünnen, gesunden Baumes gelehnt da und sehe zu, wie die Sonne am Horizont höher und höher steigt. Kaum zehn Meter von mir entfernt endet die grüne Wiese; jenseits davon gibt es nur noch rissigen Erdboden und braune, verkümmerte Pflanzen. Die Äste der wenigen Bäume, die im verseuchten Boden um ihr Überleben kämpfen, sind schief und verwachsen. In diesem Gebiet haben mein Vater und sein Team noch keine Revitalisierungs-Versuche unternommen, aber das werden sie noch tun. Mein Vater hofft darauf, dass ich ihnen dabei helfen werde, doch ich habe andere Pläne. Der heutige Tag wird zeigen, ob sich das viele Arbeiten für die Schule und all meine Versuche, immer noch mehr zu lernen, bezahlt machen. Das müssen sie einfach.

Der Wind zerrt an den Seiten der Broschüre in meiner Hand und zwingt meine Aufmerksamkeit zurück auf das Wesentliche – auf das Lernen. Wenn ich heute für die Auslese ausgewählt werde, muss ich vorbereitet sein. Der beste Absolvent der Abschlussklasse meiner Kolonie zu sein und am heutigen Tag nach Tosu-Stadt eingeladen zu werden - all das wäre am Ende bedeutungslos, wenn ich nicht genug gelernt hätte, um den anschließenden Auslese-Prozess zu überstehen und zur Universität zugelassen zu werden.

Ich fahre mit den Fingerspitzen über die Worte auf der Vorderseite des dünnen Heftes, das ich in der Hand halte: VORBEREITUNGSMATERIAL FÜR DIE AUSLESE. Ein Anflug von schlechtem Gewissen steigt in mir auf, als ich an die Direktorin der Five-Lakes-Kolonie, Mrs. Bryskim, denke. Erst gestern hat sie mir gesagt, wie stolz sie auf mich sei, dass ich die Schule als Jahrgangsbester abschließe, und wie stolz mein Vater darauf sein müsse, dass sein Ältester ihm nacheifere. Ich frage mich, ob sie auch dann noch stolz wäre, wenn sie wüsste, dass ich diese Übungsbroschüre aus einer Schublade ihres Schreibtisches gestohlen habe.

Eigentlich hatte ich das gar nicht tun wollen, denn hier in Five Lakes bestehlen wir einander nicht. Aber was für eine Wahl war mir noch geblieben, nachdem Mrs. Bryskim sich geweigert hatte, mir die Unterlagen zu leihen? Ich hatte erwartet, dass sie verstehen würde, welche Bedeutung es für mich hat, ausgewählt zu werden. Erfolgreich zu sein. Ich will die Five-Lakes-Kolonie unbedingt verlassen und mir in der Welt einen Namen machen. Ich will nicht bis an mein Lebensende für meinen Vater arbeiten. Ich brauche die Chance, selbst etwas zur Wiederherstellung unserer zerstörten Welt beizutragen. Und um das tun zu können, muss man mich zur Auslese zulassen. Und ich muss bestehen! Dieses Heft wird mir dabei helfen, nach der Zukunft zu greifen, die auf mich wartet.

Ich schlage die erste Seite auf und lese die Aufgabe:

„Nennen Sie die Sieben Stadien des Krieges.“

Das ist leicht.

In Gedanken gehe ich die einzelnen Phasen durch: die ersten vier Stadien der von Menschen geführten Kriege, die auf der anderen Seite der Weltkugel ihren Ausgang genommen haben und jede Zivilisation, wie die Menschen sie kannten, zerstörten. In den folgenden drei Stadien schlug die Erde, die von radioaktiver Strahlung und biologischen Waffen verseucht worden war, zurück. Stürme, Tornados, Erdbeben und Hurrikane tobten, bis die Erde sich endlich wieder beruhigte und man mit dem Wiederaufbau beginnen konnte.

Ich lächle, als ich darüber nachdenke, wie viel wir in kaum mehr als hundert Jahren bereits erreicht haben. Dann wende ich mich der nächsten Frage zu.

„Erläutern Sie die kinetische Gastheorie und geben Sie die Formel an, mit der sich die Temperatur eines Gases am besten bestimmen lässt.“

Auch das ist keine schwere Frage, allerdings ist sie schon nicht mehr ganz so einfach wie die erste. Ich hole ein Stückchen Kreide und eine schwarze Schiefertafel aus meiner Tasche und mache mich an die Arbeit. Wie viel lieber würde ich auf Papier schreiben, aber das ist bei Übungen dieser Art unmöglich. Papier ist außerordentlich wertvoll. In der Schule verwenden wir nur bei den wichtigsten Prüfungen Papier. Sobald die Testergebnisse ermittelt sind, werden die Unterlagen in die Ames-Kolonie geschickt, um dort wieder recycelt zu werden. Bäume sind zu kostbar, als dass man sie bei geringfügigen Anlässen verschwenden dürfte.

„Zeen.“

Ich reiße den Kopf hoch, als ich höre, wie meine Mutter mich vom Küchenfenster unseres Hauses aus ruft. „Bin hier draußen, Mom“, brülle ich zurück und wende mich der nächsten Testfrage zu, doch sie lässt nicht locker: „Wenn du nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten hier bist, wirst du zu spät zur Abschlussfeier kommen.“

Gerade will ich erwidern, dass ich noch Zeit genug habe, als mir die Position der Sonne am Himmel auffällt. Verdammt. Eilig schiebe ich Kreide, Schiefertafel und Vorbereitungsheft zurück in meine Tasche, hänge sie mir über die Schulter und mache mich auf den Weg zum Haus. Ich werde später weiterüben müssen. Mom hat recht. Die Abschlussfeier ist wichtig, und ich will nicht zu spät kommen.

Meine Mutter macht um jedes Detail eine Menge Aufhebens. Ich lasse sie, obwohl mich die Art, wie sie an mir herumzupft, auf die Palme bringt. Egal, was ich mit meinem Haar mache, es liegt nie so, wie sie es haben will, und schließlich greift sie selbst zur Bürste, was meinen Bruder Hamin dazu bringt, sich vor Lachen fast zu verschlucken. Mal sehen, wie lustig er es in zwei Jahren finden wird, wenn Mom bei ihm das Gleiche versucht.

Nachdem meine Mutter mehr als eine Stunde lang Staub und Schmutz, den nur sie selber sieht, von meinen Stiefeln gewischt hat, während meine Zwillingsbrüder Win und Hart ihre Witze darüber machten, erklärt sie mich endlich für ausgehfertig. Ein Blick in den Spiegel verrät mir, dass sie recht hat. Mein blondes Haar ist fest hinter meine Ohren gekämmt, mein Kinn sauber rasiert. Ich streiche den purpurfarbenen Ärmel meiner Tunika glatt und lächele. Purpur. Die Festtagsfarbe der Erwachsenen. Ich bin jetzt ein Mann.

Während sich der Rest der Familie eilig fertig macht, krame ich das Heft wieder aus meiner Tasche und setze mich an den verschrammten Küchentisch aus Eichenholz in der Hoffnung, genügend Zeit für noch eine weitere Frage zu finden.

„Bist du nervös?“, fragt die Stimme hinter mir, die mir die liebste auf der Welt ist.

Ohne Bedauern schiebe ich die Unterlagen zur Seite und schaue lächelnd in die dunkelbraunen Augen meiner kleinen Schwester Cia. „Kein bisschen. Ich muss doch nur auf der Bühne herumstehen und mir einen Haufen Reden anhören. Deswegen braucht man nicht aufgeregt zu sein.“

„Und warum bist du dann so früh aufgestanden und lernst, als ob dein Leben davon abhängt?“

Ich lache. Ihre kleine Statur und die dunklen Locken lassen meine Schwester jünger als ihre zehn Jahre aussehen, aber sie ist klüger als fast alle hier in Five Lakes, abgesehen von unserem Vater, der Magistratin, Dr. Flint und mir. Es ist keine große Überraschung, dass ihr – im Gegensatz zu allen anderen – meine Anstrengungen für die Auslese nicht entgangen sind.

„Ich will nur dafür sorgen, dass ich vorbereitet bin, falls ich für die Auslese ausgewählt werde, du Krümel.“

Cias Lächeln verebbt. „Natürlich wird man dich aussuchen. Jeder sagt, dass du der schlaueste Schüler des Abschlussjahrgangs seit zehn Jahren bist. Ich habe gehört, wie Mom heute Morgen mit Dad darüber gesprochen hat. Sie ist sich auch sicher, dass sie dich nehmen werden und dass du dann für immer fortgehen wirst.“

Als ich das unterdrückte Schluchzen in der Stimme meiner Schwester höre, ziehe ich sie zu mir auf den Schoß, wie ich es immer getan habe, als sie noch ganz klein war. „Was hat Dad geantwortet?“

„Er hat Mom gesagt, sie solle sich mehr Sorgen darüber machen, was geschieht, falls du nicht ausgewählt wirst. Er glaubt, dass es dich nicht glücklich machen würde, hier mit uns in Five Lakes zu leben. Aber das stimmt nicht, oder?“

Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als zu lügen. „Ich werde so oder so zufrieden sein, das verspreche ich dir.“

„Gut.“ Cia schlingt mir ihre Arme um den Hals und drückt sich fest an mich. Darüber bin ich froh, denn auf diese Weise kann sie die Wut nicht sehen, die mir ganz bestimmt ins Gesicht geschrieben steht. Unser Vater hat die Universität besucht. Er sollte sich darüber freuen, dass ich so hart gearbeitet habe, um ausgewählt zu werden und in seine Fußstapfen zu treten. Doch anstatt stolz zu sein und auf meinen Erfolg zu hoffen, macht er sich Gedanken darüber, wie er mich trösten kann, falls es nicht klappt.

Ich habe so geschuftet. Niemand sonst hat sich mehr angestrengt. Ich kann einfach nicht übergangen werden.

Doch ich werde eines Besseren belehrt.

Wie stolz ich auf der Bühne stehe. Wie selbstbewusst. Ich lasse den Blick über die Mitglieder unserer Kolonie wandern, die allesamt erschienen sind: knapp über neunhundert Menschen! Ich lächele. Mich kümmert es nicht, wie lange die Reden dauern oder wie viele Mitteilungen die Magistratin und die anderen Führungskräfte zu machen haben. Dieses jährliche Ereignis ist die einzige Gelegenheit, die gesamte Kolonie zu erreichen. Warum sollte ich mich daran stören, dass sie von einer neu gebauten Scheune berichten oder vom Bau eines Springbrunnens in der Mitte des Marktplatzes zu Ehren des Mannes, dem es gelungen ist, unser Wasser zu reinigen? Während meine Mitschüler unruhig auf den Füßen wippen und es nicht abwarten können, dass die Veranstaltung endlich vorbei ist, stehe ich ganz ruhig da und halte die Hände hinter meinem Rücken verschränkt. Ich gedulde mich, denn die Belohnung, auf die ich so lange gewartet habe, liegt zum Greifen nah.

Nur dass ich sie nicht bekommen werde! Kein Offizieller aus Tosu-Stadt betritt die Bühne. Es gibt keine Mitteilung darüber, dass einer von uns für die Auslese ausgewählt worden ist. Mich erwartet nichts weiter als das stechende Gefühl, versagt zu haben, und Scham bis auf die Knochen.

Kaum ist es endlich dunkel geworden, entferne ich mich von den Feierlichkeiten. Ich will nicht mehr lächeln müssen, um die Bitterkeit der Enttäuschung zu verbergen. Nicht mehr so tun, als würde ich mich darauf freuen, endlich mit meinem Vater zusammenarbeiten zu können.

Zum ersten Mal bin ich froh, dass das Haus unserer Familie weit abgelegen liegt. Normalerweise stört es mich, dass all meine Freunde so weit entfernt wohnen. Heute gibt mir der lange Marsch im diesigen Mondlicht die Gelegenheit zum Nachdenken. Mein Vater hat mir einen Job bei sich angeboten. Jeder erwartet, dass ich ihn annehmen werde. Das wäre ganz normal. Ich will dazu beitragen, dass dieses Land wieder urbar gemacht wird. Die Arbeit meines Vaters ist wichtig.

Und doch will ich nicht in Five Lakes bleiben, wo ich jedes Gesicht kenne und jeder weiß, wer ich bin. Ich könnte mich in Tosu-Stadt bewerben und darauf hoffen, dass sie einen Job für mich in einer anderen Kolonie finden, aber die Chancen, dass das klappt, sind gering. Wenn ich mehr von der Welt sehen will als Five Lakes, dann werde ich die Sache selbst in die Hand nehmen müssen.

Als ich zu Hause ankomme, bin ich froh zu wissen, dass mich niemand stören wird, wenn ich über die Optionen nachdenke, die mir für meine Zukunft noch bleiben. Ich gehe durchs Wohnzimmer in das Schlafzimmer, das ich mir mit meinen Brüdern und meiner Schwester teile, und schalte die Lampe an. Cia hat mit überschüssigem Draht und Solarzellen dafür gesorgt, dass wir im Haus Licht haben. Sobald ich über die Schwelle getreten bin, streife ich die purpurne Tunika, die ich heute mit so viel Stolz zum ersten Mal getragen habe, ab und lasse sie achtlos auf den Boden fallen. Dann befördere ich sie mit einem Tritt unter eines der Etagenbetten und überlege, was ich als Nächstes tun soll.

Vermutlich sollte ich mich zum Schlafen fertigmachen, doch stattdessen ziehe ich, ohne nachzudenken, meine Arbeitskleidung und meine bequemsten Stiefel an. Dann hole ich einige weitere Hemden aus der Holztruhe, die vor dem Fußteil meines Bettes steht. Drei Paar Socken. Zwei Paar Unterhosen. Ich greife nach meiner Tasche, zerre das Übungsheft hervor und pfeffere es auf den Boden. Komisch, dass mir diese Seiten noch vor wenigen Stunden so wichtig gewesen waren. Jetzt haben sie jegliche Bedeutung verloren angesichts meines Drangs, blindlings meine Sachen zusammenzupacken. Ich will die Five-Lakes-Kolonie hinter mir lassen, so schnell ich kann vor meiner Niederlage wegrennen. So weit weg wie möglich, und zwar augenblicklich.

„Ich hatte so ein Gefühl, dass ich dich hier finden würde.“

Beim Klang der Stimme meines Vaters bleibt mir beinahe das Herz stehen. Ich bin so damit beschäftigt gewesen, die Habseligkeiten, die ich mitnehmen will, herauszusuchen, dass ich ihn gar nicht habe hereinkommen hören. Nun hole ich tief Luft, drehe mich um und schaue den Mann an, dem ich, wie man mir immer wieder sagt, so ähnlich bin. Den Mann, den ich immer nur habe stolz machen wollen. „Ich dachte, du wärst noch auf der Feier.“

„Wolltest du verschwinden, ohne dich zu verabschieden?“

Die Tasche in meiner Hand fühlt sich unglaublich schwer an. „Ich weiß es nicht.“

Die Wahrheit, die in diesen Worten liegt, lässt die Scham in mir noch größer werden.

Mein Vater nickt. „Ich weiß, dass du für die Auslese ausgewählt werden wolltest, aber ich bin erleichtert, dass das nicht geschehen ist. Vor allem jetzt, wo ich dich so sehe.“ Er zeigt auf meine gepackte Tasche. „Dein hitziges Gemüt ist eine deiner größten Stärken, aber auch deine größte Schwäche. Du lässt dich immer von deinen Gefühlen leiten, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Das ist der Grund dafür, dass du die Auslese niemals überlebt hättest.“

Tief in meinem Bauch flammt heißer Zorn auf. „Ich weiß, wie man eine Prüfung angeht, und ich hätte sie bestanden.“

„Bei der Auslese geht es um mehr als um die richtigen Antworten. Um viel mehr.“

„Woher soll ich wissen, was einen bei der Auslese erwartet?“ Ich schleudere meine Tasche auf den Boden. „Du sprichst ja nie darüber. Vielleicht hätte es mir dabei geholfen, ausgewählt zu werden. Aber du hast nie auch nur ein einziges Wort darüber verloren, was während der Prüfung geschieht.“

„Das liegt daran, dass ich es nicht kann.“ Mein Vater fährt sich mit der Hand durch die Haare. Der Schmerz in seinen Augen verschwindet und macht Traurigkeit und einem seltsam gequälten Ausdruck Platz. „Das Vereinigte Commonwealth sorgt mit einem besonderen Verfahren dafür, dass die erfolgreichen Kandidaten niemals etwas von den Erfahrungen, die sie während der Auslese gemacht haben, preisgeben können. Aber so viel kann ich dir verraten: Die Auslese belohnt nicht immer den Klügsten oder den, der als Erster einen Prüfungsteil erledigt hat. Anders als du war ich nicht der Jahrgangsbeste in meiner Kolonie. Durch die Türen des Prüfungsgebäudes sind Kandidaten geschritten, die weitaus cleverer als ich waren. Aber was auch immer dort drinnen geschehen ist, war zu viel für sie. Sie sind nie wieder zurückgekehrt.“

Dass mein Vater zugibt, nicht der Schlaueste in seiner Klasse gewesen zu sein, überrascht mich. Davon war ich immer ausgegangen. Nun bin ich gezwungen, mich zu fragen, was in meinem Leben noch alles nicht so ist, wie es scheint.

„Sieh mal“, fährt mein Vater fort, „ich verstehe, dass du enttäuscht bist, aber die Five-Lakes-Kolonie zu verlassen ist keine Lösung. Zumindest nicht heute.“

Ich lege den Kopf schräg. „Was soll das heißen?“

Dads Blick sucht meinen. „Es gibt Dinge außerhalb der Sicherheit von Five Lakes, die du nicht verstehst und auf die du nicht vorbereitet bist. Du hast bislang nur wenige Ausschnitte der zerstörten Welt gesehen, die jenseits der Kolonie-Grenzen existiert.“

„Und wessen Fehler ist das?“ Ich komme nicht gegen das Gefühl der Frustration an, das sich auch in meine Stimme geschlichen hat.

„Meine“, erwidert mein Vater mit scharfem Unterton. „Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass ich dich behütet habe aufwachsen lassen, und ich werde mich nicht für meine Entscheidung entschuldigen, meine Kinder in Sicherheit großzuziehen. Außerhalb von Five Lakes drohen noch ganz andere Gefahren als verseuchtes Wasser, wilde Tiere oder zu wenig Nahrung.“

„Welche denn?“

„Versprich mir, dass du nicht im Zorn davonläufst. Dass du in Five Lakes bleibst und mich dir bei der Vorbereitung auf das helfen lässt, was dich jenseits der Grenzen der Kolonie erwartet. Wenn du in einigen Jahren immer noch gerne fortwillst, dann werde ich dir keine Steine in den Weg legen, das schwöre ich.“ Ehe ich etwas erwidern kann, fügt er hinzu: „Du musst mir jetzt nicht antworten. Schlaf darüber. Die Welt wartet morgen auch noch auf dich.“

Mit diesen Worten geht er, und er nimmt meine Wut mit sich. Alles, was bleibt, ist der dumpfe Schmerz der Enttäuschung.

Soll ich zu Hause bleiben und darauf hoffen, dass ich hier Antworten finden werde?

Oder soll ich weggehen und auf eigene Faust die Geheimnisse entdecken, die mein Vater angedeutet hat?

Ich bin so erschöpft, dass meine Gedanken durcheinanderwirbeln und sich ein pochender Kopfschmerz breitmacht. Bittere Galle steigt aus meinem Magen auf, als ich versuche, mich zu konzentrieren, was mir einfach nicht gelingen will. Ich muss zugeben, dass Dad recht hat. Ich kann jetzt keine Entscheidung treffen. Morgen. Morgen, wenn ich mich ausgeschlafen habe. Wenn ich das wirklich will, ist morgen immer noch früh genug, um aufzubrechen.

Meine Brüder schlafen noch, als ich aufwache und aus den Federn schlüpfe. Cias Bett ist leer. Das ist keine Überraschung, so laut, wie Win schnarcht. Leise husche ich aus unserem Zimmer und lächle, als ich den kleinen Körper sehe, der zusammengerollt vor dem Kamin liegt. In diesem Augenblick ist die Entscheidung, ob ich gehe oder doch eher bleiben soll, gefallen. Zwar liebe ich meine Eltern und Brüder, aber Cia ist etwas ganz Besonderes. Ich bin derjenige, zu dem sie kommt, wenn sie etwas auf dem Herzen hat oder durcheinander ist. Sie ist der einzige Mensch, von dem ich weiß, dass er mich braucht. Also werde ich erst mal bleiben und alles lernen, was Dad mir beibringen kann. Wenn Cia älter ist und Dad sein ganzes geheimes Wissen mit mir geteilt hat …

Wer weiß?

Ich bin so mit meinen eigenen Problemen beschäftigt, dass mir das schmale Heft erst gar nicht auffällt, das Cia im Schlaf umklammert hält. Es ist dasselbe Heft, mit dem ich gestern Morgen noch gelernt habe. Cia muss es auf dem Boden unseres Zimmers gefunden haben.

Vorsichtig schleiche ich mich zu ihr und meide dabei sorgfältig die Dielenbretter, die beim Drauftreten knarzen. Als ich meiner kleinen Schwester die Vorbereitungsunterlagen aus der Hand ziehen will, merke ich, wie fest sie sie hält, als hätten sie für sie ebenso viel Bedeutung wie für mich. Ich gebe auf und mache mich auf die Suche nach meinem Vater, um ihm zu sagen, dass ich bleiben werde. Das Übungsmaterial für die Auslese belasse ich im unnachgiebigen Griff meiner Schwester. Was kann es schon schaden, wenn ich sie bei ihren Träumen ermutige?

Test 1 – Geschichte

Autorisiert vom Vereinigten Commonwealth für DIE AUSLESE

Frage: Erklären Sie das Erste Stadium des Krieges der Nationen.

Antwort: Die Ermordung von Premierminister Chae ließ die Asiatische Allianz zerbrechen und führte zu einem Machtkampf zwischen den anderen Nationen, der in einem Bürgerkrieg gipfelte. Während dieses Bürgerkriegs wurden Bomben auf die koreanischen Staaten abgeworfen, die einen Großteil der Bevölkerung auslöschten und zwei Reaktorkerne schmelzen ließen.

Frage: Was waren die ersten beiden genetisch veränderten Getreidesorten, die erfolgreich auf den Feldern außerhalb von Tosu-Stadt angebaut werden konnten?

Antwort: Weizen und Mais.

Frage: Erläutern Sie die Gründe für das Fünfte, das Sechste und das Siebte Stadium des Krieges und deren Auswirkungen auf Nordamerika.

Antwort: Der Einsatz von biologischen und nuklearen Waffen erhöhte den tektonischen Druck an den Verwerfungslinien. Dieser plötzliche Druckanstieg verursachte zahllose Erdbeben und Nachbeben, die in dem Gebiet begannen, das früher mal Kalifornien war, und die sich rasch über den ganzen Kontinent ausbreiteten. Die Beben erschütterten auch die Meeresböden, was den ersten Tsunami auslöste und den Beginn des Sechsten Stadiums markierte. Die Küstenstaaten wurden überflutet, und ein Großteil ihrer Bewohner starb. Das Siebte Stadium war von Wetterveränderungen geprägt. Tornados, radioaktive Stürme und Dürren dezimierten die Bevölkerung noch weiter und vernichteten fast alle Nahrungsquellen bis auf die widerstandsfähigsten Pflanzen und Tiere. Als sich das Wetter wieder beruhigt hatte, konnten die Überlebenden mit dem Wiederaufbau beginnen.

Frage: Warum wurde Tosu-Stadt als Sitz der Hauptstadt des Vereinigten Commonwealth ausgewählt?

Antwort: Das liegt an der strategisch unwichtigen Lage des Staates Kansas. Während der ersten Vier Stadien des Krieges wurde die Stadt Wichita nicht angegriffen. Erdbeben und Tornados beschädigten zwar die Nordseite der Stadt, der Rest jedoch blieb unberührt und wurde so zum idealen Ort, um mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Die Stadt wurde in Tosu-Stadt umbenannt und symbolisierte fortan die Hoffnung der Menschen, wieder neu entstehen zu lassen, was verloren worden war.

Glaubst du, du bringst die Voraussetzungen mit, um bei der AUSLESE erfolgreich zu sein?

TEST

Stell dich dem TEST und beweise, dass auch du zur Elitegruppe gehören kannst!

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